#1

Des "Schlirreaudo"

in 01.12.2021 19:18
von Harald.Herrmann | 1.033 Beiträge

Des "Schlirreaudo"

Als der Aujust sich ins Bettche verliebte und sie so oft besuchte als es irgend ging, wurde er auch mit zu Spinnstundenabenden eingeladen und wenn genug Schnee gefallen war, die Kinder mit dem Abendläuten die Schlittenbahn geräumt hatten, dann war er auch bei den abendlichen Schlittenfahrten dabei. Da er natürlich nahe seinem Bettchen sein wollte, fuhr er bei ihr auf dem von den Jungs verächtlich „Kleinmädchenschlitten“ genannten normalen Rodelschlitten mit, während die geschwindigkeitsaffinen jungen Helden auf teilweise abenteuerlich zurechtgezimmerten Konstruktionen meist auf dem Bauch liegend „auf Zeit“ fuhren. Nachdem man ihn lange genug aufgezogen hatte, versprach er unter geheimnisvollen Andeutungen, am nächsten Abend mit dem schnellsten Gerät zu kommen und sie alle zu schlagen und es kam tags darauf zu der sagenumwobenen Fahrt mit dem "Schlittenauto …
(Solch ein Schlittenauto, ", das meines Wissens gerade in meinem Heimatort "Atzehaa" (Atzenhain, inzwischen Ortsteil von Mücke, Oberhessen) geradezu ein Statussymbol war, bestand aus zwei mehr oder weniger stabil gebauten Kastenschlitten, wobei auf dem Hinteren ein breites Brett fest angebracht und an dessen vorderen Ende ein zweiter Kastenschlitten drehbar befestigt war.
Wie und wann es zu dieser Konstruktion gekommen war, ist mir nicht bekannt, lediglich, dass mein Vater auch eines besessen hatte, das nicht so stabil war, wie er es sich vorgestellt hatte und er mir etwas Besseres bescheren wollte. Das Gerät, das er mir baute, war etwas Besseres - aus festem Holz gefertigt, praktisch "unkaputtbar"! Oft habe ich die Kumpels beneidet, die ihre Schlitten locker den Berg hochzogen, während ich mich mit meinem schwergewichtigen hinterherschnaufte. Runter ging es schneller, da war das Gewicht schon etwas wert. Im Grunde genommen war es eine sehr vereinfachte Form eines (Ski-)Bob. Im freien Feld wurden "Handicaps" eingebaut, im Dorf waren die Straßen und der Verkehr das Handicap, aber entweder ein Kumpel wurde abgestellt, der mit Armefuchteln warnte, wenn ein Fahrzeug kam, oder ein freundlicher Nachbar, der seinen Spaß an der wilden Meute hatte übernahm die Absicherung. Eine Herausforderung war die Abfahrt "in der Hohle", da ging es steil runter, dann kam eine Rechtskurve, begrenzt von einem Maschendrahtzaun, der aber erst auf einem ca. 40 Zentimeter hohen Mäuerchen begann. Wenn wenig Schnee lag, wurde diese Kurve zum "Seitenbretterkiller" - und wer auf den letzten Metern davor "Schiss" bekam, der fuhr einfach bei "Kasperschweierz" geradeaus auf den Hof. Wenn das mehrmals geschah, wurde der Hof auch schon mal glatt, bevor er mit Asche "stumpf gestreut" wurde. Legendär war die Fahrt eines voll besetzten Schlittenautos, dessen Fahrer im letzten Moment der Mut verließ und die trotz Bremsung über den Hof schossen und durch die geöffnete Stalltür über den Entmistungsgang in einen dort lagernden Misthaufen - "Shit Happens"…

Zurück zu unseren beiden Liebenden. Aujust hatte den Schlitten – den er sich, als er mit der Dreschmaschine unterwegs war, von einem Dorfschreiner gegen „organisierte“ Stahlwaren (zu denen auch sie Kufen seines Schlitten zählten) problemlos hatte fertigen lassen -auf seinem Tempo-Dreirad mitgebracht. Das Ding wurde bestaunt und begutachtet.
»Wäi werde doas Deng iwwerhäpigefora, dou schwätz höi woas vo em Schlirreaudo, woas es danndodroo e Audo?«
»Gugg her, aich setze vorn offm Bräed, duu met de Färschde em Voderschlirre lenke – en de Rast hockt hinner mir, de Letzte schiebt o en springt noch droff.«

Nun ja, auf die Frage, ob auch Mädchen mitfahren durften, entschied Aujust pragmatisch:
»Normal immer, so richtch eng hinnerenanner, do werds ersch richtich schie – owwer alleweil gelts, aich brauch drei stramme Kerle, däi bei mir metfoarn. Wer doutb geche maich ootrere?«
Fünf „Rennrodler“ waren sofort bereit, anzutreten, von denen, die “met offs Schlirreaudo“ wollten suchte er die aus, die sonst verwegen mit ihren eigenen Konstruktionen unterwegs waren. Es gab noch die Anweisung, sich richtig in de Kurve zu legen und »keener bremst, außer aich ruffe „Bremse“!«
Natürlich waren sie die schnellsten, Aujust wurde gefeiert, jeder wollte mal mitfahren, aber Aujust blockte die Begeisterung ganz schnell:
»Aich foarn etz noch fünfmoal met dem Bettche en sonst kem annern off dem Schlirreauto, dann breng aich se heem, dos huu mer so versproche. Mei Metfoarer kenn jo moal de Foarer fier al däi mache, däi moal metfoern winn, e bessche Zeit loass aich auch defier …«

zuletzt bearbeitet 24.11.2025 09:13 | nach oben springen

#2

Mei "Schlirreaudo"

in 24.11.2025 09:48
von Harald.Herrmann | 1.033 Beiträge

Mei "Schlirreaudo"

Was wir als Kinder und Jugendliche alles trieben, das kann man mit heute nicht vergleichen. Zu meine Kinder-/Jugendzeit gab es zwar strenge Regeln, aber auch abenteuerliche Aktivitäten.
Wenn genug Schnee gefallen war, die Kinder mit dem Abendläuten die Schlittenbahn geräumt hatten, dann war ich auch bei den abendlichen Schlittenfahrten dabei.
Man(n) fuhr nicht auf dem von den Jungs verächtlich „Kleinmädchenschlitten“ genannten normalen Rodelschlitten mit, während die geschwindigkeitsaffinen jungen Helden auf teilweise abenteuerlich zurechtgezimmerten Konstruktionen meist auf dem Bauch liegend „auf Zeit“ fuhren.
Nachdem man mich im Nachbarort, in dem ich die Wintermonate wegen besserer Anbindung an die Bahn bei meinen Großeltern wohnte, lange genug aufgezogen hatte, versprach unter geheimnisvollen Andeutungen, am nächsten Abend mit dem schnellsten Gerät zu kommen und sie alle zu schlagen und es kam tags darauf zu der sagenumwobenen Fahrt mit dem "Schlittenauto …
(Solch ein Schlittenauto, ", das meines Wissens gerade in meinem Heimatort "Atzehaa" (Atzenhain, inzwischen Ortsteil von Mücke, Oberhessen) geradezu ein Statussymbol war, bestand aus zwei mehr oder weniger stabil gebauten Kastenschlitten, wobei auf dem hinteren ein breites Brett fest angebracht und an dessen vorderen Ende ein zweiter Kastenschlitten drehbar befestigt war.
Wie und wann es zu dieser Konstruktion gekommen war, ist mir nicht bekannt, lediglich, dass mein Vater auch eines besessen hatte, das nicht so stabil war, wie er es sich vorgestellt hatte und er mir etwas Besseres bescheren wollte. Das Gerät, das er mir baute, war etwas Besseres - aus festem Holz gefertigt, praktisch "unkaputtbar"! Oft habe ich die Kumpels beneidet, die ihre Schlitten locker den Berg hochzogen, während ich mich mit meinem schwergewichtigen hinterherschnaufte. Runter ging es schneller, da war das Gewicht schon etwas wert. Im Grunde genommen war es eine sehr vereinfachte Form eines (Ski-)Bob. Im freien Feld wurden "Handicaps" eingebaut, im Dorf waren die Straßen und der Verkehr das Handicap, aber entweder ein Kumpel wurde abgestellt, der mit Armefuchteln warnte, wenn ein Fahrzeug kam, oder ein freundlicher Nachbar, der seinen Spaß an der wilden Meute hatte übernahm die Absicherung. Eine Herausforderung war die Abfahrt "in der Hohle", da ging es steil runter, dann kam eine Rechtskurve, begrenzt von einem Maschendrahtzaun, der aber erst auf einem ca. 40 Zentimeter hohen Mäuerchen begann. Wenn wenig Schnee lag, wurde diese Kurve zum "Seitenbretterkiller" - und wer auf den letzten Metern davor "Schiss" bekam, der fuhr einfach bei "Kasperschweierz" geradeaus auf den Hof. Wenn das mehrmals geschah, wurde der Hof auch schon mal glatt, bevor er mit Asche "stumpf gestreut" wurde. Legendär war die Fahrt eines voll besetzten Schlittenautos, dessen Fahrer im letzten Moment der Mut verließ und die trotz Bremsung über den Hof schossen und durch die geöffnete Stalltür über den Entmistungsgang in einen dort lagernden Misthaufen - "Shit Happens"…
Nun gut, das Gerät wurde vom Vater im "Arbeiterbuschen" auf der Fahrt zur Arbeit vorbeigebracht und die Fahrt konnte starten …
Das "Ding" wurde bestaunt und begutachtet.
»Wäi werde doas Deng iwwerhäpigefora, dou schwätz höi woas vo em Schlirreaudo, woas es danndodroo e Audo?«
»Gugg her, aich setze vorn offm Bräed, duu met de Färschde em Voderschlirre lenke – en de Rast hockt hinner mir, de Letzte schiebt o en springt noch droff.«

Nun ja, auf die Frage, ob auch Mädchen mitfahren durften, entschied ich pragmatisch:
»Normal immer, so richtch eng hinnerenanner, do werds ersch richtich schie – owwer alleweil gelts, aich brauch drei stramme Kerle, däi bei mir metfoarn. Wer doutb geche maich ootrere?«
Fünf „Rennrodler“ waren sofort bereit, anzutreten, von denen, die “met offs Schlirreaudo“ wollten suchte ich die aus, die sonst verwegen mit ihren eigenen Konstruktionen unterwegs waren. Es gab noch die Anweisung, sich richtig in de Kurve zu legen und »keener bremst, außer aich ruffe „Bremse“!«
Natürlich waren wir die schnellsten und ich wurde gefeiert.
Und natürlich saßen für den Rest des Abends hinter mir Weiblein und Männlein eng zusammengepresst und ab ging die wilde Fahrt, die zumeist am Ende durch einen gewagten Schlenker mit der Besatzung im Schnee endete.

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#3

Mei "Schlirreaudo" , Dialoge Oberhessisch/Schriftdeutsch

in 24.11.2025 10:02
von Harald.Herrmann | 1.033 Beiträge

Mei "Schlirreaudo"

Was wir als Kinder und Jugendliche alles trieben, das kann man mit heute nicht vergleichen. Zu meine Kinder-/Jugendzeit gab es zwar strenge Regeln, aber auch abenteuerliche Aktivitäten.
Wenn genug Schnee gefallen war, die Kinder mit dem Abendläuten die Schlittenbahn geräumt hatten, dann war ich auch bei den abendlichen Schlittenfahrten dabei.
Man(n) fuhr nicht auf dem von den Jungs verächtlich „Kleinmädchenschlitten“ genannten normalen Rodelschlitten mit, während die geschwindigkeitsaffinen jungen Helden auf teilweise abenteuerlich zurechtgezimmerten Konstruktionen meist auf dem Bauch liegend „auf Zeit“ fuhren.
Nachdem man mich im Nachbarort, in dem ich die Wintermonate wegen besserer Anbindung an die Bahn bei meinen Großeltern wohnte, lange genug wegen eines dort verfügbarem "Enfachschlitten" aufgezogen hatte, versprach unter geheimnisvollen Andeutungen, am nächsten Abend mit dem schnellsten Gerät zu kommen und sie alle zu schlagen und es kam tags darauf zu der sagenumwobenen Fahrt mit dem "Schlittenauto …
(Solch ein Schlittenauto, ", das meines Wissens gerade in meinem Heimatort "Atzehaa" (Atzenhain, inzwischen Ortsteil von Mücke, Oberhessen) geradezu ein Statussymbol war, bestand aus zwei mehr oder weniger stabil gebauten Kastenschlitten, wobei auf dem hinteren ein breites Brett fest angebracht und an dessen vorderen Ende ein zweiter Kastenschlitten drehbar befestigt war.
Wie und wann es zu dieser Konstruktion gekommen war, ist mir nicht bekannt, lediglich, dass mein Vater auch eines besessen hatte, das nicht so stabil war, wie er es sich vorgestellt hatte und er mir etwas Besseres bescheren wollte. Das Gerät, das er mir baute, war etwas Besseres - aus festem Holz gefertigt, praktisch "unkaputtbar"! Oft habe ich die Kumpels beneidet, die ihre Schlitten locker den Berg hochzogen, während ich mich mit meinem schwergewichtigen hinterherschnaufte. Runter ging es schneller, da war das Gewicht schon etwas wert. Im Grunde genommen war es eine sehr vereinfachte Form eines (Ski-)Bob. Im freien Feld wurden "Handicaps" eingebaut, im Dorf waren die Straßen und der Verkehr das Handicap, aber entweder ein Kumpel wurde abgestellt, der mit Armefuchteln warnte, wenn ein Fahrzeug kam, oder ein freundlicher Nachbar, der seinen Spaß an der wilden Meute hatte übernahm die Absicherung. Eine Herausforderung war die Abfahrt "in der Hohle", da ging es steil runter, dann kam eine Rechtskurve, begrenzt von einem Maschendrahtzaun, der aber erst auf einem ca. 40 Zentimeter hohen Mäuerchen begann. Wenn wenig Schnee lag, wurde diese Kurve zum "Seitenbretterkiller" - und wer auf den letzten Metern davor "Schiss" bekam, der fuhr einfach bei "Kasperschweierz" geradeaus auf den Hof. Wenn das mehrmals geschah, wurde der Hof auch schon mal glatt, bevor er mit Asche "stumpf gestreut" wurde. Legendär war die Fahrt eines voll besetzten Schlittenautos, dessen Fahrer im letzten Moment der Mut verließ und die trotz Bremsung über den Hof schossen und durch die geöffnete Stalltür über den Entmistungsgang in einen dort lagernden Misthaufen - "Shit Happens"…
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Nun gut, das Gerät wurde vom Vater im "Arbeiterbuschen" auf der Fahrt zur Arbeit vorbeigebracht und die Fahrt konnte starten …
Das "Ding" wurde bestaunt und begutachtet.
»Wäi werde doas Deng iwwerhäpt gefora, dou schwätz häi woas vo em Schlirreaudo, woas es dann dodroo e Audo?«
(Wie wird das Dung überhaupt gefahren, du schwätzt hier etwas von einem Schlittenauto, was ist den daran autoähnlich?)
»Gugg her, aich setze vorn offm Bräed, duu met de Färschde em Voderschlirre lenke – en de Rast hockt hinner mir, de Letzte schiebt o en springt noch droff.«
(Schau her,ich stzte mich vorne aufs Brett, lenke mit den Fersen den Voderschlitten, der Rest sitzt dahinter, der Letzte schiebt und springt auf.)

Nun ja, auf die Frage, ob auch Mädchen mitfahren durften, entschied ich pragmatisch:
»Normal immer, so richtch eng hinnerenanner, do werds ersch richtich schie – owwer alleweil gelts, aich brauch drei stramme Kerle, däi bei mir metfoarn. Wer doutb geche maich ootrere?«
(Normal immer, so richtig eng hintereinander, da wirds erst richtig schön, aber jetzt gilt es, ich brauche drei stramme Jungs die bei mir mitfahren. wer tritt gegen mich an?)

Fünf „Rennrodler“ waren sofort bereit, anzutreten, von denen, die “met offs Schlirreaudo“ wollten suchte ich die aus, die sonst verwegen mit ihren eigenen Konstruktionen unterwegs waren. Es gab noch die Anweisung, sich richtig in de Kurve zu legen und
»keener bremst, außer aich ruffe „Bremse“!«
(Keiner bremst, außer ich rufe „Bremse“!)

Natürlich waren wir die schnellsten und ich wurde gefeiert.
Und natürlich saßen für den Rest des Abends hinter mir Weiblein und Männlein eng zusammengepresst auf dem Brett und ab ging die wilde Fahrt, die zumeist am Ende durch einen gewagten Schlenker mit der Besatzung im Schnee endete …

zuletzt bearbeitet 24.11.2025 14:12 | nach oben springen


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